Die Tradition des Teetrinkens ist in China entstanden und war lange Zeit, bevor der Tee zu uns nach Europa kam, bereist in ganz Asien verbreitet. Verständlich, dass die meisten der zahlreichen Märchen, Legenden und Mythen, die sich um Tee drehen, ebenfalls aus Asien stammen. Es gibt aber auch im Westen Geschichten, in denen der Tee im Mittelpunkt steht. Selbst der berühmte dänische Schriftsteller Hans Christian Andersen aus Kopenhagen hat sich mit dem Thema Tee so sehr beschäftigt, dass er ihm eine Erzählung von der Teekanne widmete. Diese Teekanne war sehr stolz, eigentlich müsste man sie schon eingebildet nennen. Sie liebte ihr Porzellan, ihren Henkel und vor allem ihre lange schlanke Tülle. Ihren Deckel verschwieg sie lieber, er war bereits einmal geklebt worden und sie war sich sicher, dass ihr dieser Makel vom Rest des Teeservices vorgehalten werden würde. Die Teekanne war sich durchaus bewusst, dass niemand perfekt ist und jeder etwas an seinem Äußeren und auch an seinem Charakter hat, das man als Fehler auslegen könnte. Sie wollte jedoch nicht riskieren, dass die Tassen, die Zuckerschale und das Sahnekännchen ausgerechnet wegen ihres angeschlagenen Deckels von ihr sprachen.Viel lieber war es ihr, wenn sie dabei ihre Tülle und ihr reines Porzellan erwähnen würden. Und die Teekanne liebte es, wenn sie spürte, wie sich die chinesischen Teeblätter in dem heißen Wasser in ihrem Bauch entfalteten und so ein aromatischer Genuss entstand. Auch, wenn die Menschen ihren geliebten Tee aus den Tassen tranken, so war doch sie es, in der der Tee zubereitet und ausgeschenkt wurde, sie war die "Gebende" und das fand sie einfach wunderbar. Eines Tages wurde die Teekanne leider von recht ungeschickten Händen hochgehoben. Sie fiel zu Boden und diesmal war nicht nur der Deckel zerbrochen. Auch ihr Henkel und ihre Tülle waren ab. Doch es kam noch schlimmer. Am nächsten Tag wurde sie an eine Bettlerin verschenkt. Die Teekanne fühlte sich wertlos, sah ihr neues Zuhause und ihre Situation als einzigen Abstieg. Doch die Bettlerin füllte die Teekanne mit Erde und pflanzte eine Blumenzwiebel ein. Die Teekanne begann das Gefühl der wachsenden Blumenzwiebel in ihr zu lieben und sie war unglaublich stolz, als die Blume zu blühen begann. Doch auch diesmal schlug das Schicksal zu. Jemand war der Meinung, die Blume hätte nun mit ihrer schönen Blüte "einen besseren Blumentopf verdient". Die Blume wurde umgepflanzt, die Teekanne zerschlagen und die Scherben in den Hof geworfen. Dort lag die Teekanne nun und war trotzdem glücklich. Niemand konnte ihr mehr die Erinnerung an das Gefühl der wachsenden Zwiebel und die wunderschöne Blume nehmen.

Legende oder Wahrheit?

Bei dieser Geschichte stellt sich die Frage nach einemmöglichen Wahrheitsgehalt erst gar nicht. Eventuell ist Hans Christian Andersen selbst eine Teekanne zu Boden gefallen, oder er hat irgendwo eine kaputte, zum Blumentopf umfunktionierte Kanne gesehen und dies hat ihn zum Schreiben dieser Geschichte inspiriert.

Fazit

Hans Christian Andersen war ein stark verehrter Schriftsteller und Märchenerzähler, bis heute werden seine Werke gelesen. Gerade die ungewöhnliche Perspektive, die Geschichte aus Sicht einer Teekanne zu erzählen, macht sie so ungewöhnlich und gleichzeitig interessant und Andersen so berühmt. Denkt man einmal über diese Erzählung nach, so fällt auf, dass die Teekanne auf der Suche nach einer sinnvollen Aufgabe ist. Sie möchte etwas Besonderes sein, positiv auffallen und in Erinnerung bleiben. Sie muss erst einige schmerzliche Erfahrungen machen, ehe sie erkennt, dass die Aufgabe, die sie im wahrsten Sinne des Wortes völlig ausfüllt, eine ganz andere ist, als die, für die sie eigentlich geschaffen wurde. Streng genommen findet sie in der Selbstaufgabe ihre Erfüllung. Was bei der Teekanne so rührend wirkt, trifft meist auch auf uns Menschen zu. Wer wäre nicht gern perfekt, oder verschweigt zumindest seine Fehler? Und wer hätte nicht gern eine Aufgabe im Leben, die ihn zu etwas besonderem macht, die einen wissen lässt, dass man genau dafür geschaffen wurde? Mit Tee hat das alles nur indirekt zu tun. "Die Teekanne" ist jedoch eine wunderschöne Geschichte Andersens, die spätestens, wenn die Teekanne daran denkt, wie die Teeblätter im heißen Wasser ziehen, zum Teetrinken animiert. Und mal ehrlich, bei einer Tasse Tee gelesen, ist die Geschichte gleich nochmal so schön.Bildnachweis: "Die Teekanne" von Hans Christian Andersen © violettpunkt - Fotolia.com

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